Philipp
Engelhard von Nathusius
Philipp
Engelhard von Nathusius (1861 geadelt), Begründer des
Neinstedter Stammes der Familie, wurde am 05. November
1815 als drittes von acht Kindern des Industriellen und
Kaufmanns Johann Gottlob Nathusius
auf Althaldensleben
geboren. Nachdem er im Alter von 16 Jahren seine schulische
Ausbildung beendet hatte, trat er in das väterliche Geschäft
ein. Als der Vater 1835 starb, übernahm der 20-jährige
das Unternehmen und führte es zwar erfolgreich, aber nicht
besonders überzeugt weiter. Im Winter 1837/38 studierte
er in Berlin, im Anschluss unternahm er eine zwei Jahre
dauernde Reise durch Deutschland, Italien, Frankreich,
Griechenland und die Türkei.
Philipp von
Nathusius mit seine Frau Marie, geb. Scheele
Von
der Reise zurückgekehrt, verlobte sich Philipp Nathusius
1840 mit Marie Scheele, die einer
Pfarrersfamilie aus Magdeburg entstammte. Zusammen zogen
sie nach Althaldensleben, einer kleinen Stadt, die alle
von der beginnenden Industrialisierung verursachten sozialen
Probleme aufwies.
Auf
die damit verbundene soziale Frage antwortete die katholische
Kirche des 19. Jahrhunderts mit der Katholischen Soziallehre.
Diese und die tiefe Gläubigkeit von Marie und Philipp
Nathusius bildeten den Hintergrund des karitativen Schaffens
der beiden. Durch das soziale Elend berührt, gründete
das Ehepaar Nathusius 1845 zunächst eine Kinderbewahranstalt
in Althaldensleben.
Ab
1847 war Philipp Nathusius entschlossen, sich ganz der
Inneren Mission zu widmen. Ein Besuch bei Johann Hinrich
Wichern in Hamburg sollte der Vorbereitung dienen. Als
sich 1849 die Möglichkeit ergab, das Gut
Neinstedt bei Quedlinburg zu übernehmen, kaufte er
es und überließ das väterliche Gut Althaldensleben seinem
jüngeren Bruder Heinrich, der
damit zum Begründer des Althaldenslebener Stammes wurde.
Aus dem Geschäftsleben zog sich Philipp Nathusius 1849
vollständig zurück. In Neinstedt entstanden aus dem ehemaligen
Gut zunächst ein Rettungshaus, später auch eine Ausbildungsstätte
für Diakonen und ein Heim für Geistigbehinderte. Noch
heute gehören die Neinstedter Anstalten zu den größten
diakonischen Einrichtungen in Deutschland.
Überraschend
war Philipp Nathusius 1849 auch die Redaktion des seit
1844 erscheinenden "Volksblatts für Stadt und Land
zur Belehrung und Unterhaltung" angeboten worden.
Er leitete die Zeitschrift bis 1871, seit 1851 als Herausgeber,
und seit 1861 als Verleger. Aus dem in der Revolutionszeit
stark politisch ausgerichteten Blatt machte er wieder
ein christlich-konservatives Parteiorgan, in dem politische
und kirchenpolitische Ereignisse beleuchtet, aber auch
die Innere Mission und das christliche Volksschriftenwesen
gefördert wurden. Ein besonderer Schwerpunkt war der Abdruck
von erbaulichen Erzählungen und Gedichten, viele davon
von seiner Frau Marie. An der politischen Doktrin des
christlichen Staates, wie sie Friedrich Julius Stahl entwickelt
hatte, hielt Philipp Nathusius zeitlebens fest, milderte
sie aber durch seine Sensibilität für die soziale Frage
und sein Eintreten für die Innere Mission. Mit den preußischen
Hochkonservativen teilte er auch die Sympathien für den
(politisch ebenfalls restaurativ wirkenden) Katholizismus,
was 1852/53 und 1860 zu heftigen publizistischen Kontroversen
führte. Theologisch kämpfte sein Blatt in einer Front
mit der Evangelischen Kirchenzeitung gegen den Rationalismus
und die neueren Entwicklungen der historisch-kritischen
Theologie, vollzog auch 1857 einen Schwenk von anfänglicher
Unterstützung der preußischen Union zu entschiedener Parteinahme
für das Luthertum. Seine Ausfälle gegen einen Hirtenbrief
des unionsfreundlichen Magdeburger Generalsuperintendenten
Lehnert brachten ihm 1858 eine Verurteilung ein, weil
er die Union dem Hass und der Verachtung ausgesetzt habe.
Nach der Bestätigung in der zweiten Instanz wurde er nur
durch eine Begnadigung durch den Prinzregenten Wilhelm
vor einer Gefängnisstrafe bewahrt.
Marie
Nathusius verstarb 1857 auf dem Gipfel ihres sozialen
Schaffens und ihres künstlerischen Engagements. Ihr Mann
setzte das gemeinsame Lebenswerk auch nach dem Tod seiner
Frau fort. Er weitete die Fürsorge auch auf geistig behinderte
Menschen aus. Zu diesem Zweck initiierte er zusammen mit
seiner Schwester Johanne Nathusius
die Errichtung eines kleinen Heimes für zunächst 15 geistig
behinderte Kinder, das Elisabethstift in Neinstedt.
Seit
1863 erkrankte Philipp Nathusius zunehmend, und mußte
1871 die Redaktion an seinen Sohn Martin von Nathusius,
dem späteren Theologieprofessor in Greifswald, abgeben.
Er starb am 16. August 1872 auf einer Kur in Luzern (Schweiz).
Philipp
von Nathusius war der Begründer der Neinstedter Anstalten,
und als konservativer Publizist gehörte er zu den einflussreichsten
Persönlichkeiten im Protestantismus seiner Zeit.
Werke:
Fünfzig Gedichte, 1839; Ulrich von Hutten. Volksthümliche
Betrachtungen des gegenwärtigen kirchlichen Streites in
Deutschland, 1839; Noch fünfzig Gedichte, 1841; In Sachen
der Deutschkatholiken: Urtheil letzter Instanz vom großen
G., 1846; Preußens Reichstag. Ein Gedicht, 1847; Statistische
Übersichten über die Verhältnisse und wichtigsten Abstimmungen
beider Kurien und über die künftigen ständischen Ausschüsse,
1847; Zur Unions- und Separations-Frage, in: Volksblatt
für Stadt und Land 4 (1847), 1561-1565; Dreißig schöne
Lieder für Wehrmänner, 1848; Der Ackermann Hoffegut an
den Schulzen Gottlieb, in: Volksblatt für Stadt und Land
5 (1848), 1420-1426. 1437-1446; Der Ackermann Hoffegut
an den Schulzen Gottlieb, in: Volksblatt für Stadt und
Land 6 (1849), 1087-1092; Antritts-Wort, in: ebd., 1103-1108
(auch in: Alfred Estermann, Die deutschen Literatur-Zeitschriften
1850-1880. Bibliographien - Programme, Bd. 5, 1989, 278-282);
Die Errungenschaften des Jahres 1848, in: Volksblatt für
Stadt und Land 6 (1849), 1119-1123; Zu Göthes Jubelfeier,
in: ebd., 1135-1143; Innere Mission und Kirche, in: ebd.,
1188-1198; Gott zum Gruß und ein fröhlich Neujahr!, in:
Volksblatt für Stadt und Land 7 (1850), 1ff; Die wichtigste
aller Petitionen, nebst einer Aufforderung an alle Freunde
des Vaterlandes, in: ebd., 17ff ; Die Wahlen zum Erfurter
Volkshause, in: ebd., 56ff; Die Gnadauer Frühjahrsversammlung,
in: ebd., 497ff. 519ff. 531ff; Die deutsche Einheit, in:
ebd., 705ff. 722ff. 737ff; Die neuen Preßverordnungen,
in: ebd., 801ff. 817ff; Neujahrswort, in: Volksblatt für
Stadt und Land 8 (1851), 1-3. 17-21. 33-42; Etwas zur
Kirchenzucht, in: ebd., 353-356; Von der Gnadauer Versammlung,
in: ebd., 660-668. 677-688; Wieder einmal ein paar Worte
zur Kirchenverfassung, in: ebd., 769-774; Wieder ein Jahr,
in: Volksblatt für Stadt und Land 9 (1852), 1-5. 17-21.
33ff; Etwas zur katholischen Frage, in: ebd., 1273-1280;
Schlußwort zur katholischen Frage, in: Volksblatt für
Stadt und Land 10 (1853), 313ff. 329ff. 361ff; Ein letztes
Wort, in: Volksblatt für Stadt und Land 11 (1854), 234-237;
Rückblick über die orientalische Frage, in: ebd., 1377-1379.
1393-1395. 1409-1412. 1425-1428. 1441-1444. 1457-1462.
1489-1492. 1511-1513. 1543-1547. 1559-1562. 1583-1587.
1599-1602. 1615-1619. 1632-1636. 1651-1655. 1662-1666;
Denkschrift über eine neue Redaktion des Gesangbuches
für das Fürstenthum Halberstadt und die zugehörigen Grafschaften,
1854; Uhlichsche Denkwürdigkeiten, in: Volksblatt für
Stadt und Land 13 (1856), 81-88. 101-110; Der neueste
Pariser Friede, in: ebd., 625-627. 657-662. 673-677. 705-709.
721-728. 753-762. 785-796. 801-811; Rez. zu E.W. Krummacher,
Das Dogma von der Gnadenwahl, in: ebd., 1441-1445. 1561-1563;
Zur Verständigung über Union, in: Volksblatt für Stadt
und Land 14 (1857), 849-856. 865-869. 881-890. 898-907.
977-983. 993-1000. 1025-1031. 1041-1043. 1073-1078. 1089-1097;
Actenmässige Darstellung des Processes wegen Verunglimpfung
der Union, 1860; Ein verhängnisvolles Jahr, in: Volksblatt
für Stadt und Land 18 (1861), 18-20.33-36; Innere Mission.
Brief an den Schulzen Gottlieb, in: ebd., 799-806; Noch
einmal vom Cölibat, in: ebd., 841-849. 857-864. 873-883;
Lebensbild der heimgegangenen Marie Nathusius, geb. Scheele,
Bd. 1-3, 1868/69 (Marie Nathusius, Gesammelte Schriften
Bd. 13-15); "Des biedern Asmus Botengang durch diese
Zeitlichkeit". Dokumente und Umstände einer nicht
zustandegekommenen Claudius-Biographie, in: Jahresschriften
der Claudius-Gesellschaft 3 (1994), 10-28.
Literatur:
Bettine von Arnim, Ilius Pamphilius und die Ambrosia,
Bd. 1+2, 1847/48; - Herrmann von Gauvian, Die Entscheidung
in Frage N., Hengstenberg, Beutner, Leo und Zuhalter,
1868; - Otto Kraus, Das Volksblatt für Stadt und Land
unter Franz von Florencourt, in: Allgemeine Konservative
Monatsschrift für das christliche Deutschland 50 (1893),
369-385. 481-499; - Eleonore Fürstin Reuss, Philipp Nathusius'
Jugendjahre, nach Briefen und Tagebüchern, 1896; - dies.,
Philipp von Nathusius, Das Leben und Wirken des Volksblattschreibers,
1900; - Martin von Nathusius, Fünfzig Jahre Innerer Mission.
Festschrift zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens des
Knabenrettungs- und Brüderhauses auf dem Lindenhof zu
Neinstedt am Harz, 1900 (neu bearb. v. Otto Steinwachs,
1925); - Otto Steinwachs, Philipp von Nathusius, in: Mitteldeutsche
Lebensbilder, Bd. 1, 1926, 221-234; - Hans Andres, Philipp
von Nathusius, Seine Persönlichkeit und die Entwicklung
seiner politischen Gedanken bis zum Ausgang der deutschen
Revolution, 1934; - Rolf Löffler, Philipp Nathusius (1815-1872),
in: Wer mir dienen will. 24 Lebensbilder von Männern und
Frauen im Dienst der Liebe, hrsg. i. Auftrag von Innerer
Mission und Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in der
DDR v. G. Bosinski u. P. Toaspern, 1978, 271-296; - Klaus
Müller-Salget, Erzählungen für das Volk. Evangelische
Pfarrer als Volksschriftsteller im Deutschland des 19.
Jahrhunderts, 1984, 41-68; - Konstanze Bäumer, "Ilius
Pamphilius und die Ambrosia". Bettina von Arnim als
Mentorin, in: Internationales Jahrbuch der Bettina-von-Arnim-Gesellschaft
3 (1989), 263-282; - dies.,/ Hartwig Schultz, Bettina
von Arnim, 1995, bes. 74-85; - Sabine Schormann, Bettine
von Arnim, 1993, bes. 308-310. 318-321; - Bettine von
Arnim, Werke und Briefe, Bd. 3, 1995, 557-619. 1151-1197;
- Martin Nathusius, Nathusius. Eine Entdeckungsreise durch
450 Jahre Familiengeschichte, 1997; - Thomas Schlag, Martin
von Nathusius und die Anfänge protestantischer Wirtschafts-
und Sozialethik, 1998, bes. 25-37.57-60; - Martin Friedrich,
Kampf gegen die Revolution in Staat, Kirche, Gesellschaft
und Kultur. Das "Volksblatt für Stadt und Land",
1844-1852, in: Norbert Otto Eke/ Renate Werner (Hrsg.),
Vormärz - Nachmärz. Kontinuität oder Bruch?, 1999 (im
Druck); - ADB XXIII, 283-285; - NDB XVIII, 748-750 (zur
Familie).
Co-Autor:
Martin Friedrich (Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon)