morphologische und physiologischen Studien), die
Grundlage für seine späteren Forschungen zur Tierzucht
und Rassenkunde wurden, und pflegte intensiven
Kontakt mit Hallenser Wissenschaftlern.
Nach
dem Tod seines Vaters 1835 übernahm Hermann von
Nathusius die Verwaltung der Fabrikbetriebe und
Gutswirtschaften, löste die in Althaldensleben
installierte Porzellan- und Steingutfabrik auf
und errichtete dort mit seinem Bruder Philipp
von Nathusius eine Rübenzuckerfabrik nach
neuerem System. Er reorganisierte und vergrößerte
das Gut Hundisburg und wandte sich fast gänzlich
der Landwirtschaft zu, der er durch Einführung
neuer englischer Verfahren (Drillsaat bei Rübenkulturen,
Entwässerung des Ackerbodens durch Tonröhrensysteme)
sowie ertragreicher englischer Weizensorten eine
innovative Ausrichtung gab. Er beschritt auch
in der Tierzucht neue Wege. Er führte gezüchtete
Shorthorn-Rinder und Schweine aus England ein,
um einheimische Viehstämme hinsichtlich der Fleischproduktion
zu veredeln, und züchtete zu diesem Zweck englische
Southdown- und Leicesterschafe in Stammesreinheit
fort oder kreuzte sie mit Merinos.
Hermann
von Nathusius widmete sich zudem erfolgreich der
Vollblut-, später auch der Warm- und Kaltblut-Pferdezucht
für wirtschaftliche Zwecke und importierte englische
Zuchtpferde. Als Mitbegründer des Deutschen Jockey
Clubs gab er Anregung zur Gründung von Pferdezuchtvereinen,
richtete einen Rennstall ein und weckte damit
das regionale Interesse für Pferdezucht und Rennsport.
Grundlage dieses Erfolgs war die intensive Auseinandersetzung
mit tierzüchterischen Fragen, bei der er allein
auf der Basis methodischer Überlegungen und exakter
Beobachtungen bis heute gültige Züchtungsgrundsätze
entwickelte, die prinzipiell von der sogenannten
Konstanztheorie der gängigen Mentzel-Weckherlinschen
Schule (Vorrang der reinen Rasse und ihrer Konstanz
bei der Zuchtwahl) abwichen und u. a. die Bedeutung
des Einzeltieres und seiner Leistungsfähigkeit
betonten.
Hermann
von Nathusius trug im Verlauf seiner wissenschaftlichen
Forschungen nicht nur eine bedeutende Sammlung
zoologisch wertvollen Materials zusammen (Wollproben,
Serien von Tierfotografien, große Schädelsammlung),
sondern profilierte sich in einem sachlich geführten
Meinungsstreit mit Charles Darwin als bedeutender
Gegner seiner Deszendenztheorie
, der er aus religösen Gründen nicht folgen konnte.
Bereits seit Ende der 1830er Jahre stark im landwirtschaftlichen
Vereinswesen engagiert, avancierte er 1856 zum
Mitglied der Centraldirektion der landwirtschaftlichen
Vereine der Provinz Sachsen und bekleidete 1863
bis 1869 das Amt des Direktor des Landwirtschaftlichen
Centralvereins der Provinz Sachsen. Er hatte bedeutenden
Anteil an der Gründung des höheren landwirtschaftlichen
Lehrinstituts an der Universität Halle (1864)
sowie an der Verlegung der landwirtschaftlichen
Versuchsstation von Großkmehlen nach Halle, wirkte
bei der Begründung der Deutschen Ackerbaugesellschaft
mit und initiierte bedeutende Ausstellungen dieser
Gesellschaft 1863 in Hamburg und 1865 in Dresden.
1862
wurde Hermann von Nathusius zum Mitglied und 1869
zum Präsidenten des von ihm in der Folge reorganisierten
Königlicher-preußischen Landesökonomie- Collegiums
ernannt. Gleichzeitig erhielt er eine Berufung
als Vortragender Rat in das Ministerium für Landwirtschaft,
wo er das Dezernat für landwirtschaftliches Unterrichtswesen
leitete. 1870 auch zum Mitglied des Norddeutschen
Bundesrates gewählt und mit der Leitung des landwirtschaftlichen
Lehrinstituts in Berlin betraut, verlegte er seinen
Wohnsitz dauerhaft nach Berlin.
Bereits
1840 bei der Huldigung Friedrich Wilhelms IV.
in den Adelstand erhoben, stand er in engem Kontakt
mit dem alteingesessenen Landadel der Region,
u. a. mit Eduard von Alvensleben
und Albrecht
von Alvensleben, August von Gneisenau und der
Familie des Neuhaldensleber Landrats Otto August
von Veltheim. Als Vertreter der Ritterschaft wurde
Hermann von Nathusius zum Mitglied der sächsischen
Provinzialstände gewählt, gehörte dem vereinigten
Landtag an und verfocht strikt konservativ-royalistische
Positionen.
Veröffentlichungen:
Ansichten und Erfahrungen über die Zucht von Schafen
zum Zweck der Fleischproduction (Fleisch-Schafen),
1856; Ueber Shorthorn-Rindvieh. Mit einem Anhang
über Inzucht, 1857; Ueber die Racen des Schweines,
1860; Ueber Constanz in der Thierzucht, 1860;
Vorträge über Viehzucht und Rassenkenntniß (2
Bde), 1872-1880; Abh. über die Schädelform des
Rindes, 1875; Ueber die sogenannten Leporiden,
1876; Wilhelm von Nathusius (Hg.), Kleine Schriften
und Fragmente über Viehzucht, 1880 (B).
Literatur:
NDB 18, 749f.; ADB 23, 277-283; N. N., Hermann
von Nathusius in seiner Bedeutung als Naturforscher
und Landwirth, in: Magdeburgische Zeitung Nr.
373, 1879; Wilhelm von Nathusius, Rückerinnerungen
aus dem Leben des Bruders Hermann von Nathusius,
in: ders. (Hg.), Vorträge über Viehzucht und Rassenkenntnis,
1880; N. N., Hermann von Nathusius, in: Journal
für Landwirtschaft 28, 1880, 1-8 (*B); Gustav
Comberg, Die deutsche Tierzucht im 19. und 20.
Jahrhundert, 1984.
Autor:
Guido Heinrich (Magdeburger Biographisches Lexikon)