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Neinstedt

Der Ort Neinstedt mit seinen gut 2000 Einwohnern liegt am Nordrand des Harzes zwischen Quedlinburg und Thale. Er gehört heute zur Verwaltungsgemeinschaft Thale. Neinstedt hat eine knapp 800-jährige Geschichte. Die Entstehung der Dorfkirche St. Katharina ist bereits im Zusammenhang mit der Gründung eines Zisterzienser-Klosters im 12. Jahrhundert erwähnt. Berühmt geworden jedoch ist Neinstedt im ausgehenden 19. Jahrhundert, als hier eines der ersten Sozialwerke Deutschlands entsteht. Die über die Jahrzehnte gewachsenen Einrichtungen sind auch heute noch als "Evangelische Stiftung Neinstedter Anstalten" eine der grössten sozialen Einrichtungen für Behinderte in Europa.


© mdr


Philipp von Nathusius und seine Frau Marie gründeten hier aus christlicher Nächstenliebe 1850 den Lindenhof: ein Rettungshaus für verwahrloste Knaben und ein Brüderhaus für Diakone.

Wir haben einen Gott, der da hilft, und den Herrn, der vom Tode errettet.

Psalm 68,21

Gedenktafel am Haus Lindenstrasse 1, Neinstedt

Die Basis für die Neinstedter Anstalten schufen Philipp von Nathusius, seine Frau Marie Nathusius, geb. Scheele, sowie seine jüngere Schwester, Johanne Nathusius.

Der Lindenhof

Nachdem das Ehepaar bereits 1847 ein erstes Rettungshaus für verwahrloste Kinder in Althaldensleben gegründet hatte, und sie sich im Laufe des Jahres 1849 in England und Frankreich über die dortige Kinder- und Jugendfürsorge informiert hatten, kaufte Philipp Nathusius 1850 das Gut Neinstedt. Die Familie bezog das Gut und widmete sich fortan dem Aufbau einer sozialen Einrichtung, die die hässlichen Folgen und sozialen Umbrüche der aufkommenden Industrialisierung mildern sollte.

Zunächst wurde das "Knabenrettungs- und Brüderhaus" auf dem Lindenhof gestiftet. Hier sollten schwer erziehbare und sozial gefährdete Jungen versorgt, erzogen und ausgebildet werden. Dem Knabenrettungshaus war ein Brüderhaus angeschlossen, in dem junge Männer wohnten und für Unterricht und Erziehung der Kinder ausgebildet wurden. Die Erziehung erfolgt nach christlichen Wertmassstäben. Schon bald nach der Gründung war die Neinstedter Einrichtung weithin als der "Lindenhof" bekannt.

Auf dem Lindenhof entstanden im Laufe der Zeit Werkstätten für Tischler, Schneider, Pantoffelmacher und Schuster. Außerdem war man landwirtschaftlich tätig. Der vorhandene Platz reichte aber bald nicht mehr aus. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhundets lebten auf dem Lindenhof 100 sogenannte Zöglinge und 20 Diakonschüler. 1886 wurde das Eckarthaus und 1899 das Haus Martin gebaut. Die Lindenhofskirche konnte ebenfalls 1886 eingeweiht werden. 1912 lebten in der Lindenhofsstiftung 140 Zöglinge und 25 Diakonenschüler. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde eine Bäckerei gebaut, der Marienhof als Erziehungsheim für Zöglinge gegründet und ein landwirtschaftlicher Hof wurde 1914 eingeweiht. 1926 wurde eine Wäscherei eröffnet, 1935 lebten in der Lindenhofsstiftung bereits 180 Zöglinge und 25 Diakonenschüler.

Schloss Detzel

Das Schloss Detzel wird seit langem als Aussenstelle der Neinstedter Anstalten genutzt. Derzeit wird nach einer anderen Verwendung der Anlage gesucht.

Das Gut, das in der Gemarkung Satuelle malerisch in der Ohre-Niederung gelegen ist, wurde bereits 937 erstmals urkundlich erwähnt. Oberhalb des Gutes befindet sich heute das Schloss Detzel, an dessen Entwurf der berühmte Architekt und Mitbegründer der preussischen Denkmalpflege, Karl Friedrich Schinkel mitgewirkt haben soll.

Der Baron von Bonin ließ das Herrenhaus in Detzel nach dem Vorbild des Schlosses Babelsberg bei Potsdam errichten. 1844 entstand der zweigeschossige Backsteinputzbau im

 

neugotischen Stil. Das Schlösschen weist Seitenrisaliten an den vier Ecken und einen achteckigen von Zinnen bekrönten Turm auf. Im Inneren des ersten Turmobergeschosses ist eine neogotische Vertäfelung erhalten. Es ist von einem englischen Park umgeben.

Adolfine von Bonin stellte Johanne Nathusius das ererbte Jagdschloss zur gemeinnützigen Nutzung zur Verfügung, später schenkte sie es ihr. Am 06.01.1864 wurde Schloss Detzel als Haus "Kreuzhilfe" seiner neuen Bestimmung als Heimstätte für behinderte Kinder übergeben und eingeweiht. Das Hauseltern-Ehepaar Heinrich und Johanna Neitz begann mit sechs Heimbewohnern seinen Dienst. Zuvor war in einem gerichtlich ausgefertigten Nutzungsvertrag das Schloss dem Neinstedter Elisabethstift zugeordnet worden. Mit grossem persönlichen Einsatz hatte sich Johanne Nathusius vorher um die nötige Einrichtung gekümmert.

Neben Detzel waren oder sind folgende Anwesen Aussenstellen der Neinstedter Anstalten: Kreuzhülfe b. Thale, Thale, Gnadenthal und Calveröde.

Foto: © Kur-und Tourismusverwaltung Flechtingen

Die Elisabethstiftung

Zu einem zweiten Grundpfeiler der zukünftigen Anstalten entwickelte sich die von Johanne Nathusius gegründete Elisabethstiftung. Die Gründerin stellte ihre Stiftung der Pflege und Erziehung geistig behinderter und anfallskranker Menschen in den Dienst. Im Januar 1861 weihte sie ihr erstes Heim für geistig behinderte Kinder in Neinstedt ein. Als wegweisend gilt das Bemühen um sinnvolle Anregungen und Beschäftigung der behinderten Pfleglinge. So wurden frühe Ansätze einer behindertengerechten Förderung unterstützt, die sich später in spezialisierten Werkstätten und einer Hilfsschule für Geistigbehinderte weiter ausdifferenzierten.


© Heiko Marks

Um 1900 gehörte die Elisabethstiftung zu den größten Sozialwerken für geistig Behinderte und Anfallskranke in Deutschland. Heute bildet die Behindertenhilfe den Hauptarbeitszweig der Evangelischen Stiftung Neinstedter Anstalten. 1890 lebten in der Elisabethstiftung bereits 470 geistig behinderte Menschen. 1910 waren es dann 660 und Mitte der 1930'er Jahre lebten in der Elisabethstiftung 770 Menschen mit geistiger Behinderung.


© Heiko Marks

Bis zu Ihrem Tod blieben die von ihr gegründeten Bereiche in Neinstedt im Eigentum der Johanne Nathusius. Danach gingen sie in die Hände einer Stiftung mit dem Gesamtnamen "Elisabeth-Stiftung" (die Bezeichnung "Elisabeth" gab Johanne ihrem ersten Heim nach Erhalt der Zustimmung der Königinwitwe Elisbeth, sie nach ihr zu benennen) über.

Drittes Reich

Die Anstaltsleitung und Teile der Neinstedter Diakonenschaft begrüßten 1933 den nationalsozialistischen Staat. Zu spät nahmen sie wahr, wie die Nationalsozialisten gegen behinderte Menschen vorgingen, die sie mit ihrer Erbgesundheits- und Rassenideologie ausgrenzten. Über 700 kranke Bewohner der Neinstedter Anstalten wurden Opfer der folgenden Euthanasie. Durch eine schnelle Vermittlung in Familien und private Arbeitsstellen konnten über 200 behinderte Menschen gerettet werden.

DDR-Zeit

Im April 1951 wird durch die DDR- Behörden festgelegt, dass sich die Stiftungen nur noch der Arbeit mit "bildungsunfähigen Menschen widmen" dürfen Das Jahr 1953 erlebten die Neinstedter Anstalten als existentiell bedrohliche Krise. Staatliche Behörden versuchten die Übernahme und beschlagnahmten die Gebäude. Aber schon am 15. Juni 1953 gaben die staatlichen Stellen resigniert die Arbeit mit den behinderten Menschen auf und gaben die Stiftungen an die Kirche zurück. Dafür forderten die staatlichen Behörden aber die Beendigung der Erziehungsarbeit. Die Neinstedter Anstalten mussten diesen Arbeitsbereich, der seit der Gründung des Rettungshauses durch Marie und Philipp Nathusius einer der Hauptarbeitszweige war, aufgeben.

Unter dem Schutz der Kirche konnten die Neinstedter Anstalten sich später zur größten Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in der DDR entwickeln. 1967 wurde das Seminar für Heilerziehungspflege eröffnet. Ab dem Moment können junge Menschen eine Fachausbildung absolvieren, um sich auf erzieherische und pflegerische Aufgaben vorzubereiten.

Deutsche Wiedervereinigung

Nach der Wiedervereinigung haben die Neinstedter Anstalten ihre Arbeit unter veränderten wirtschaftlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen neu strukturiert. Die Einrichtungen und Dienste der Evangelischen Stiftung Neinstedter Anstalten arbeiten seitdem in den Bereichen Behindertenhilfe, Krankenhilfe und Altenhilfe. 1998 wird die "Evangelische Stiftung Neinstedter Anstalten" als Rechtsnachfolgerin der Lindenhofsstiftung und des Elisabethstiftes bestätigt.

Heute finden in den Anstalten ca. 650 behinderte Menschen ein Zuhause. Die expandierende Einrichtung ist gleichzeitig grösster Arbeitgeber in der Region und verfügt über mehrere moderne zeitgemässe Bauten, die in den letzten zehn Jahren errichtet wurden. Es sind über 300 Arbeitsplätze für Menschen mit geistiger Behinderung entstanden. Über 200 Mitglieder gehören zur Diakonischen Gemeinschaft. Ihr Einsatzgebiet erstreckt sich auf die ganze Bundesrepublik und sehr viele Arbeitbereiche: der Kinder - und Jugendarbeit, der Gemeindearbeit, der Krankenpflege, der Beratungsarbeit, den Verwaltungsämtern, der Heilerziehungspflege, der Kirchenmusik und der Seniorenbetreuung. 50 junge Frauen und Männer lassen sich für das Diakonenamt ausbilden und noch einmal ca. 50 junge Leute befinden sich in der Ausbildung zur Heilerziehungspflege. Die Evangelische Stiftung Neinstedter Anstalten ist Arbeitgeber für über 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

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